"Der frechste und universellste Schweizer Film seit langem."
Michael Sennhauser, Radio DRS
Schweizer Filmpreis 2009: Bester Spielfilm, Bestes Drehbuch, Beste Schauspielhoffnung
Inmitten einer ruhigen und kargen Landschaft erstreckt sich so weit das Auge reicht eine leere Autobahn, die seit dem Bau vor mehreren Jahren unbenutzt geblieben ist und langsam verfällt. Am Rande des von Pflanzen durchdrungenen Asphalts, nur wenige Meter von der Einzäunung entfernt, befindet sich ein einsames Haus mit einem kleinen Garten. In diesem Haus wohnt eine Familie. Der Sommer beginnt, und die Arbeiten werden wiederaufgenommen. Die Autobahn soll in Betrieb genommen werden …
"Meiers Heimatfilm der anderen Art beginnt mit einer glücklichen Familie, wie man sie selten sieht im Kino. Da gibts keine gröberen Macken, der Umgang ist auf gesunde Weise ungezwungen. Keine Spiesser sind das, aber auch keine Freaks. Nur dass diese Familie irgendwo im Niemandsland gleich neben einer unfertigen Autobahn wohnt. Die Piste neben dem Haus ist schon lange gebaut, doch die Eröffnung lässt seit zehn Jahren auf sich warten. Eines Tages will der Bub in der Ferne ein Auto gesehen haben, und wie aus dem Nichts marschieren am nächsten Tag die Bauarbeiter auf. Sie montieren Leitplanken, asphaltieren die Strasse neu. Mit der Ruhe ist es aus, bald rollt eine permanente Blechlawine am Haus vorbei. Den Ausnahmezustand nimmt die Familie zunächst mit Humor und einer spielerischen Leichtigkeit. Vor allem Isabelle Huppert als Mutter will das lieb gewonnene Zuhause nicht leichtfertig aufgeben. Doch Lärm und Abgase zehren an den Nerven, es kommt zur Eskalation. Schon fürchtet man, die Geschichte führe nun schnurgerade in die Katastrophe, da schlägt der Film neue Haken. Und als der Vater (Olivier Gourmet) mit Frau und Kindern schalldichte Wände baut und sich einmauert wie in einem Bunker, entpuppt sich HOME gar als heimtückische Allegorie des Sonderfalls Schweiz: Die Familie geht in die innere Isolation, das Zuhause wird zum Réduit.
Das Ensemble ist stark bis in die Kinderrollen, doch der eigentliche Zauber von HOME liegt darin, wie Ursula Meier diesem exzentrischen Flecken Heimat immer neue Facetten abgewinnt. Wir bleiben zwar am Ort, gestrandet in diesem bescheidenen Paradies, das keines mehr ist. Aber berechenbar ist nichts an diesem Film – auch der Soundtrack wechselt kühn zwischen Haydn, Nina Simone und den Young Gods. Seit ihrem TV-Spielfilm DES EPAULES SOLIDES galt Ursula Meier als grosse Hoffnung des Schweizer Films. Mit HOME legt die Regisseurin nun ihre eindrückliche Reifeprüfung fürs Kino ab. Hoffen wir, dass das im Glamourfieber von Cannes nicht untergeht.
Florian Keller, Tages Anzeiger
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